Gewinnen, verlieren oder beides – Das Geheimnis der Risiko-„Logik“

Warum reden die Menschen immer davon, wie schädlich Alkohol und Nikotin sind, und greifen dann doch wieder zu? Und wieso predigen so viele Menschen davon, wie gefährlich es doch sei, am Steuer zu texten, wenn sie es am Ende selber tun?

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Risiken müssen „greifbar“ sein

Auf die Frage, warum die Gefahr des Rauchens quasi „ignoriert“ werde, antwortet Risikoforscher Ortwin Renn in einem Interview, dass die Warnungen und Hinweise auf den Verpackungen, die ja eigentlich eine abschreckende Wirkung haben sollten, schlichtweg zu „abstrakt“ sind, um tatsächlich abschreckend zu wirken. Ortwin fügt hinzu, dass der Hinweis, dass Zigaretten Pickel erzeugen können, vermutlich einen wirkungsvolleren Effekt erzielen würde als die aktuellen Hinweise. Auch das Risiko durch das Schreiben von Kurzmitteilungen mit dem Handy während des Fahrens werde von den meisten völlig unterschätzt. Dass ein Autofahrer sein Unfallrisiko durch eine Ablenkungsdauer von lediglich vier Sekunden um das 12-fache erhöht, werde ebenfalls von den wenigsten wahrgenommen.

Eigene vs. fremde Risiken

Studien belegen weiterhin, dass Personen deutlich unbefangener sind, wenn es darum geht, die Risiken für andere zu bewerten, als wenn es um die Bewertung der eigenen Risiken geht. Wenn eine Person ein Risiko für eine andere Person einschätzen soll, gehen mit diesem Urteil nicht nur weniger Bedenken, sondern auch deutlich weniger Emotionen einher, als wenn es um das eigene Risiko geht. Wenn eine Person mitbekommt, dass andere ein Risiko eingehen, hat dies oft einen enthemmenden Effekt auf die eigene Risikobereitschaft. Muss diese Person unter denselben Umständen das Risiko für eine andere Person einschätzen, fällt die Entscheidung den meisten nicht mehr so leicht.

Soziale und Gesundheitsrisiken vs. Freizeit- und finanzielle Risiken

Die Verhaltensforscherin Sarah Helfinstein von der Universität Maryland-College Park und ihr Team fanden in einer Studie heraus, dass sich Menschen verstärkt in sozialen Situationen sowie in Situationen, die die Gesundheit oder die Sicherheit betreffen, von den Entscheidungen anderer Personen beeinflussen lassen. Hierzu gehören beispielsweise starker Alkoholkonsum oder das Fahren ohne Anschnallgurt. Im Gegensatz hierzu ist die Wahrscheinlichkeit, das risikoreiche Verhalten einer anderen Person in einer Freizeit- oder finanziellen Situation nachzuahmen, deutlich geringer.

„Die Macht der Verdrängung“

Der Mediziner Klaus Heilmann erklärt in einem Interview, dass Menschen Risiken nicht etwa rational, sondern emotional einschätzen. Raucher würden den Genuss und den Stressabbau durch Zigaretten so sehr schätzen, dass sie die Gefahren, die von ihnen ausgehen, völlig verdrängen würden. Wer sich zu sicher fühle, werde leichtsinnig und suche die „Gefahr“. Wenn der Mensch jedoch nicht die Fähigkeit hätte, gewisse Risiken zu verdrängen, würde er, so Heilmann, vermutlich „wahnsinnig“ werden. Der Stress, der jedes Mal erzeugt würde, wenn wir jedes Mal Todesängste ausstehen müssten, wenn wir eine Brücke überqueren, wäre unerträglich. Neben dem Verdrängungsmechanismus spiele häufig auch einfach eine Mischung aus Leichtsinn und der Überschätzung der eigenen Fähigkeiten eine entscheidende Rolle bei der Bewertung von Risiken.

„Glücksgefühle“ vs. Risiko

Wiederum andere Studien belegen, dass das Risikobewusstsein proportional zum „Spaßfaktor“ sinkt. Sorgt also eine Tätigkeit für eine so hohe Ausschüttung von Endorphinen, dass das „Glücksgefühl“ die Risikowahrnehmung übersteigt, wird das Verhalten entweder aufrechtgehalten oder sogar verstärkt gezeigt. Dass man beim Glücksspiel ebenso verlieren wie gewinnen kann, ist kein Geheimnis. Der Benutzer loggt sich ein, wählt einen Tisch und spielt das Roulettespiel seiner Wahl. Die Auszahlungsquote ist von Feld zu Feld unterschiedlich. In physischen Casinos wie auch bei virtuellen Roulettespielen kann man dabei auf einzelne Nummern („Plein“) bis hin zu Paaren von 18 Zahlen setzen, wie z.B. Rot/Schwarz oder Gerade/Ungerade.

Der Reiz der gewinnbringenden Innen-Wetten ist allerdings so verlockend, dass das Glücksgefühl durch die Antizipation des Hauptgewinns das Risiko völlig in den Schatten stellt. An der Börse geht es sogar noch um mehr als nur um eine paar verlorene Euro. Die Aktionäre zocken hier teilweise um ihre Existenz. Sie riskieren, dass Kredite nicht oder nur teilweise zurückgezahlt werden, dass die jeweilige Landeswährung ihren Wert verliert, dass ein Anleger nicht über genügend flüssige Mittel verfügt, um Aktien zu kaufen bzw. zu verkaufen, dass Kurse zurückgehen, dass er Anlagen an ausländische Banken verliert und… und… und….

Risikobereitschaft als Soft Skill

Aber ist es denn schlecht, Risiken einzugehen? So oft auch vor den „Risiken und Nebenwirkungen“ gewarnt wird, so gilt Risikobereitschaft – insbesondere in der modernen Arbeitswelt, in der niemand „gewinnt“, der nicht auch „wagt“ – als Stärke. Risikobereitschaft ist – neben Kommunikationsfähigkeit und Durchsetzungsvermögen – unter den 50 relevantesten berufsspezifischen Stärken aufgeführt. Wer etwas riskiert, kommt nicht nur innerhalb der aktuellen Berufstätigkeit weiter, sondern vor allem auch – im wahrsten Sinne – „von der Stelle“. Ein Auslandsaufenthalt in Südafrika, eine Dienstreise nach China oder auch die Gründung eines Einzelunternehmens in den USA. Wer sich traut, über seinen eigenen Schatten zu springen und sich aus seiner Komfortzone heraus zu bewegen, weiß, ob und vor allem wo das Grass wirklich grüner wächst.

Risiken und Chancen abwägen

Es gilt, Risiken und Chancen abzuwägen: Die Nutzung von Kernenergie für die Erzeugung von Strom ist mit erheblichen Risiken verbunden; gleichzeitig sorgt sie für signifikant geringere CO2-Werte als andere Energiequellen. Solaranlagen gelten als umweltfreundlichere Methode, um Energie zu gewinnen, bergen jedoch das Risiko, das lokale Klima zu beeinträchtigen. Die Schadstoffbelastung durch die Nutzung von Kraftfahrzeugen nimmt stetig zu und dennoch verzichtet niemand freiwillig auf sein Auto. Und trotz der hohen CO2-Belastung buchen die meisten Urlauber Billigflieger, um zu verreisen. Misst man die Schadstoffbelastung von Kreuzfahrtschiffen, schlagen die Messgeräte bis zum Anschlag aus. Und dennoch genießen jedes Jahr Tausende von Urlaubern das Unterhaltungsprogramm auf den Luxusschiffen.

Risikomanagement gegen Stolpersteine

Wie können wir unser Wissen um die Risiko-„Logik“ für unsere Alltagsbewältigung nutzen? Wie können wir es nutzen, um unsere Kinder nach den richtigen Maßstäben zu erziehen? Wie können wir es nutzen, um gesund zu bleiben, wie, um unsere Umwelt zu schützen? Und wie, um unser Budget zu maximieren? Der Mensch nimmt Risiken als solche überhaupt erst wahr, wenn diese für ihn physisch oder zumindest mental greifbar sind. Wenn ein Risiko einen Mitmenschen betrifft, wird es gleich als deutlich höheres Risiko eingestuft als wenn es um das eigene Wohl geht. In sozialen und gesundheitsbezogenen Situationen lassen sich Menschen signifikant vom Verhalten ihrer Mitmenschen beeinflussen. Und die Wahrnehmung von Genuss und Glück schließt die Verdrängung von Risiken schließlich vollständig ab. Andererseits hat eine gesunde Portion „Risikobereitschaft“ auch das Potenzial, Horizonte zu erweitern, und dies nicht nur – wie oben aufgeführt – im beruflichen Sinne. Stolpern wir also tatsächlich als „Halbblinde“ durch die Welt oder muss die Gesellschaft ein permanentes Restrisiko tragen, um am Ende gewinnen zu können?